Objekt Februar 2015

Die TAFELRUNDE der Zeitschrift „Die MUSKETE“:

Vereinsbuch der Tafelrunde der „Muskete“ – Manuskript von verschiedenen Händen. 

Wien, 9. Mai 1908 – Weihnachten 1943.
Zeitgenössischer Lederband über schweren Holzdeckeln. Folio: 351 x 284 mm. Mit 213 (68 sign.), meist ganzseitigen Bleistiftzeichnungen, Aquarellen und Rötelzeichnungen.

Die Zeitschrift „Die Muskete“ wurde 1905 in Wien gegründet und war, zusammen mit dem deutschen Gegenstück „Simplicissimus“, das prägende karikaturistische Organ der Habsburgermonarchie. Nach dem Zusammenbruch der Doppelmonarchie im Jahre 1918 verlor sie, wie auch die meisten anderen derartigen Elaborate, rasch an Einfluss und Wert, auch wenn sie umbenannt und in ein „Herrenmagazin“ verwandelt wurde.

Einige der Gründer der Zeitschrift, Wilhelm von Appel, Roderich Gooss, Ernst Keil, Friedrich Koch, Rudolf Stürzer, Karl Alexander Wilke, Robert Sawrzell, Unterholzer und Huffnagel hatten offenbar das Bedürfnis, sich über die Redaktionssitzungen hinaus regelmäßig zu treffen. Dazu wurde eine Tafelrunde ins Leben gerufen, die sich erstmals am 9.Mai 1908 im Österreichischen Hof in Wien traf.
Die Treffen wurden in dem hier vorliegenden Vereinsbuch penibel aufgezeichnet und es liegen Informationen darüber vor, wer an den Treffen teilgenommen hatte, wer entschuldigt war, und wer gerade gestorben war. Am Beginn des voluminösen Bandes steht ein prächtiges Aquarell von Friedrich Koch, das den Titel trägt: „Schönheit und Blödsinn reichen sich in dieser edlen Gesellschaft stets die Hand“ und in dem ein affengesichtiger und befrackter Mann einer mehr als hübschen jungen und barbusigen Dame die Hand küsst. Der „Blödsinn“ zieht sich durch das gesamte Buch, wohl auch dadurch befördert, dass die Treffen – zunächst wöchentlich, später eher unregelmäßig – durchaus mit Saufgelagen umschrieben werden können.
Jedenfalls geht es nach wenigen Seiten, die auch so etwas wie Statuten bringen, ganz ordentlich zur Sache. Als Chronist fungierte zu Beginn wohl Rudolf Stürzer, dessen schöne Handschrift klar erkennbar ist, aber auch von Wilhelm von Appel stammen wohl einige Einträge. Wilhelm von Appel starb bereits 1911, einige andere Gründungsmitglieder während der kriegerischen Ereignisse der Jahre 1914 bis 1918, aber einige blieben dem Verein bis zum Ende treu. Mit Weihnachten 1943 ist der letzte Eintrag datiert und es liegt nahe anzunehmen, dass sich zu diesem Treffen nur mehr sehr wenige einfanden – die beigestellte Zeichnung zeigt nur mehr drei Personen. Die Zeitschrift „Muskete“ selbst hatte ihren Betrieb bereits 1941 endgültig eingestellt.

Der Großteil der literarischen Einträge befasst sich mit Besprechungen neuer Bücher (Rilke, Hohlbaum usw.), aber von großem Interesse ist ein dreiseitiges Gedicht, das Anton Wildgans und Mirko Jelusich gemeinsam während eines der Treffen spontan verfassten und zu Papier brachten. Am 17.Oktober 1908 dichteten sich die beiden in einen wahren Rausch, wenn sie den nicht schon vorher hatten; das Gedicht unter dem Titel „Liebe ist eine Allianz“ ist jedenfalls nach unseren Recherchen bisher unveröffentlicht.

Weit interessanter sind allerdings die graphischen Beiträge, die wahrscheinlich spontan entstanden. Von den 68 signierten Zeichnungen stammen 8 von Roderich Gooss, 7 von Friedrich Koch, 4 von Strohhofer, 1 von Ludwig Koch, 4 von Alfred Gerstenbrand und nicht weniger als 45 von Karl Alexander Wilke, dessen meisterhafter Strich beeindruckend ist, der aber leider später als von den Nazis eingesetzter Leiter des Österreichischen Bundesverlages einen eher unrühmlichen Weg einschlug. 118 Zeichnungen sind unsigniert, aber teilweise ebenfalls großartig und 27 Zeichnungen, ebenfalls unsigniert, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit von K.A. Wilke, bringen „Das goldene Alphabet“.
Die teilweise derb-erotischen Darstellungen der einzelnen Buchstaben sind mit ebensolchen Versen unterlegt: „Apollo war ein Gott der Alten, der Arsch wird selten rein gehalten“ (A), „Die Ceder wächst im Libanon, Cadetten onanieren schon“ (C), „Die Dohle durch die Luft sich schraubt, der Duttelfick ist unerlaubt“ (D), „Der Gurka flieht vor deutscher Kraft, der Gummi schützt vor Vaterschaft“ (G), „Der Jude stets nach Knoblauch riecht, der Jesuit gern Jungfern sticht“ (J), „Der Marabu lässt sich nicht hunzen, die Mädchen gehen stets paarweis brunzen“ (M), „Der Orang-Utan hat vier Hände, Oh, wer da onanieren könnte“ (O), „Rom ist das Haupt der Katholiken, Rothäute meist im Freien ficken“, „Der Yankee nur am Dollar pickt, am Yang-Tse-Kiang wird auch gefickt“ (Y). Überhaupt ziehen sich erotische Darstellungen durch den gesamten Band: Rudolf Stürzer wird in einer prächtigen, aquarellierten Bleistiftzeichnung (K.A. Wilke) beim Geschlechtsakt mit der Frau eines gerade abwesenden Majors dargestellt und ähnliche Szenen finden sich in großer Menge. Daneben, und auch das ist von besonderem Interesse, finden sich zahlreiche, exzellente Porträts. Neben den Hauptproponenten sind u.a. Mirko Jelusich, Anton Wildgans, Emil Ludwig u.v.a. dargestellt. Nicht unerwähnt sollte blieben, dass es eigentlich seit Anbeginn auch immer wieder antisemitische Darstellungen und Texte gibt.

Die Zusammentreffen dürften nicht immer sehr amikal abgelaufen sein und es war wohl besonders Rudolf Stürzer, der immer wieder den Ärger der Anderen erregte. Ein von Ernst Keil angeführtes Komplott zum Sturz Stürzer’s scheiterte allerdings kläglich.
Beiliegen etliche Postkarten und Kriegspostkarten, die von Mitgliedern der Tafelrunde nach Hause geschickt wurden.

Das Vereinsbuch ist in gutem bis sehr gutem Zustand, lediglich der vordere Holzdeckel des Einbandes ist gebrochen und hier fehlt ein etwa drei Zentimeter großes Stück am rechten Rand. Es bleibt unklar, wer nach der Auflösung der Runde im Jahre 1943 das Vereinsbuch übernommen hat (Wilke?), und ob es von diesem, uns Unbekannten, direkt in die Hände des letzten Besitzers, von dem wir es erworben haben, gelangt ist. Klar ist aber, dass derjenige, der es im Jahre 1943 an sich genommen hat, etliche Blätter entfernt hat – unliebsame und nicht mehr lebende Vereinsgenossen?
Das Manuskript ist ein einmaliges kulturhistorisches Dokument und für das tiefere Verständnis der Zeitschrift „Die Muskete“ unabdingbar.

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